Walter Marinovic: Das Teutsche Nationaltheater. Unser Burgtheater von Joseph II. bis Peymann. Eckartschrift Nr. 131, 104 Seiten, zahlreiche Abbildungen. € 6,15

Die Zeit unter Peymann wird in dieser Schrift über das Burgtheater nicht mehr behandelt. Mit Recht? Gibt es das Burgtheater nicht mehr? Trotzdem kommt Peymann in jedem Kapitel vor: als Folie, als Reibebaum. Wenn von Krisen die Rede ist, werden Vergleiche gezogen. Wird von Höhepunkten berichtet, ist der Abstand zu Peymann das Thema. Geschichte erhellt die Gegenwart.

Auf Gelehrsamkeit verzichtet das Buch. Doch es ist gründlich. Es lässt Quellen sprechen: Direktoren des Burgtheaters, Schauspieler, Kritiker, Zeitzeugen kommen in direkten Zitaten zu Wort. Anekdoten bringen uns die Vergangenheit nahe. Wie wurden unter Kreisky die Weichen des Burgtheaters nach links gestellt? Wie schaffte es Haeussermann, seinen Vorgänger Rott auszuhebeln? Warum begann man schon im April 1945 wieder zu spielen, als das Haus am Ring noch eine Ruine war? Wie war die Sache mit Reinhardt und Wildgans? Was geschah, als sich Laube nach achtzehnjähriger Leitung des Burgtheaters im Stadttheater, dem heutigen Ronacher, ein zweites Burgtheater schuf? Warum durfte Schreyvogel bei seinem rasanten Hinauswurf nicht einmal den Regenschirm mitnehmen? Warum hat Joseph II. in seinem Sendschreiben 1776 verfügt, das Theater, das damals noch am Michaelerplatz stand, möge „hinfüro das teutsche Nationaltheater“ heißen?

Die Idee, von der sich der Kaiser leiten ließ, beherrscht das Leitmotiv der vorliegenden Schrift. Es ging darum, im politischen Zentrum des Reiches ein geistiges zu gründen. Grenzen sollten sich öffnen. Man berief Schauspieler aus allen deutschen Ländern nach Wien, und man tut das noch heute. Mehr als hundert Jahre sind es, in denen das Burgtheater von Direktoren geleitet wurde, die in anderen deutschen Ländern, nicht in Österreich geboren sind. Und trotzdem konnte man – bis zur Zeit Peymanns – von allen Schauspielern, woher sie auch stammten, das berühmte Deutsch des Burgtheaters hören.

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