Zum Inhalt springen



Tschechien

Als Sudentendeutsche oder Deutschböhmen bezeichnen sich die Angehörigen der deutschen Volksgruppe in Tschechien bzw. die von dort nach Kriegsende vertriebenen Deutschen und deren Nachkommen.

Als Deutschböhmen bezeichneten sich bis zum Untergang Österreich-Ungarns die Deutschen der Länder der böhmischen Krone: das waren das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Österreichisch-Schlesien (also auch Deutschmährer und Schlesier).
Die Deutschen bewohnten im Süden, Westen und Norden die Randgebiete des böhmisch-mährischen Beckens, ein unzusammenhängendes, aber geschlossen deutsches Siedlungsgebiet von Südmähren, über den Böhmerwald, das Egerland, Nordböhmen und Nordmähren bis nach Österreichisch-Schlesien. Da sich diese deutschen Territorien an Österreich, Bayern, Sachsen und Schlesien anlehnten, waren sie fester Bestandteil des geschlossenen deutschen Sprachraums.
Weiters bewohnten sie teils ausgedehnte Sprachinseln im tschechischen Sprachgebiet, zu nennen sind vor allem der Schönhengstgau, Iglau, Brünn und Olmütz, und bildeten schließlich in vielen tschechischen Städten teils beträchtliche Minderheiten.
Vor dem Ersten Weltkrieg lebten 3.512.000 Deutsche in den böhmischen Ländern, 441.000 davon in den Sprachinseln. Damit stellten sie ein gutes Drittel der Landesbevölkerung. Von der frühen Neuzeit bis 1756, als Österreich fast ganz Schlesien an Preußen abtreten musste, hatten die böhmischen Länder eine deutsche Mehrheit. 1847 waren 64 Prozent der Einwohner Prags Deutsche.

Nach ihrer Zwangseingliederung in einen tschechischen Nationalstaat 1919 bezeichneten sich die Deutschen allgemein als Sudetendeutsche und zur deutlicheren Abgrenzung vom mehrheitlich tschechischen Territorium ihr Gebiet als Sudetenland nach dem langgestreckten Gebirgszug der Sudeten, mit der 1603 m hohen Schneekoppe im Riesengebirge als höchster Erhebung, der sie mit Sachsen und Schlesien verband.
Das Sudetenland umfasste ohne Sprachinseln eine Größe von rund 28.000 der 78.000 qkm der heutigen Republik Tschechien.

Markomannen und Quaden in der Böhmischen Frühgeschichte

Aus der Frühgeschichte Böhmens soll an dieser Stelle nur soviel erwähnt werden, dass nach den ersten indogermanischen Gruppen ab 400 v. Chr. keltische Stämme schrittweise die Kontrolle über das Land übernahmen. Der keltisch-germanische Landesname Boiohaemum – Boeheim weist das Land als Siedlungsgebiet der keltischen Bojer aus, die vor 60 v. Chr. Richtung Südosteuropa abwanderten und dort im Kampf mit den Dakern ihr Ende fanden.

Seit dem 2. Jhdt. v. Chr. wanderten die ersten germanischen Völker von der mittleren Elbe und der Oder kommend die Elbe aufwärts nach Nordböhmen ein, wie die Bodenfunde belegen, und breiteten sich nach dem Abzug der Kelten weiter aus. Nach 9 v. Chr. nahmen die zum elbgermanischen Stammesverband der Sueben gehörenden Markomannen und Quaden das Land in Besitz und assimilierten die noch verbliebene keltische Restbevölkerung. Während die Markomannen Böhmen und das heutige Oberösterreich bis zur römischen Donaugrenze besiedelten und unter ihrem König Marbod ein ausgedehntes Reich errichteten, taten dies die Quaden in Mähren und Niederösterreich nördlich der Donau bis hinein in die heutige westliche Slowakei. Ihre Fürstengräber zeugen von einem hochentwickelten Kunsthandwerk. 21 n. Chr. gerieten sie in ein Klientelverhältnis zum Römischen Reich, was sie zu Vermittlern zwischen dem freien Germanien und Rom machte. Beide Völker wurden für lange Zeit von einem gemeinsamen König geführt. Gegen ihre römischen Nachbarn lehnten sie sich mehrfach auf bis hin zu den Markomannenkriegen zwischen 166 und 179, während derer sie tief in das römische Reich eindrangen. Um 253 wurde das Klientelverhältnis beendet. Nach der Ermordung des Königs der Quaden durch die Römer 357 eroberten diese und die Markomannen das römische Pannonien. Nach heftigen Kämpfen mit den Römern wurde nach 376 ein Teil der Markomannen in Oberpannonien und in Noricum angesiedelt. Während mit dem Hunneneinfall weitere Hinweise auf die böhmischen Markomannen fehlen, wurden die Quaden, nach Überwindung der hunnischen Gefahr 454 zu einer bestimmenden Kraft in Pannonien. Schließlich gerieten ihre Teilfürstentümer zunächst unter herulische und später unter langobardische Kontrolle, und sie selber gingen im Volk der Langobarden auf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Markomannen und Quaden, die mehr als vier Jahrhunderte Böhmen und Mähren bewohnten und mit ihrer elbgermanischen Kultur das Land prägten, dann aber aus der Überlieferung verschwinden, einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung des bajuwarischen Neustammes geleistet haben.

Marienbad

Während das quadische Mähren der hunnischen Herrschaft Attilas unterworfen gewesen scheint, ist dergleichen für das markomannische Böhmen nicht belegt. Nach Attilas Tod 453 ließen sich die germanischen Heruler zwischen Eipel und March in der südwestlichen Slowakei nieder, während die Rugier das Gebiet des heutigen Nieder- und Oberösterreichs nördlich der Donau und wohl auch Südmähren und Südböhmen in Besitz nahmen. Wahrscheinlich schon gegen Ende des 4. Jahrhunderts waren die Langobarden vor dem Druck der Sachsen die Elbe aufwärts nach Böhmen gezogen und traten langsam an die Stelle der Markomannen. Zunächst gerieten sie unter die Herrschaft der Heruler unter deren König Rodulf. Nach der erfolgten Bekehrung zum Christentum arianischer Prägung bildeten sie unter ihrem König Tato 508 ein eigenes Reich. Das Langobardenreich umfasste bis 568 fast den gesamten böhmisch-oberösterreichisch-ostösterreichischen-pannonischen Raum. In jenem Jahr verließen große Teile der Langobarden das Land vor dem bedrohlichen Druck des aus Zentralasien herangerückten Reitervolkes der Awaren. Damit endete weitgehend die 700 Jahre währende Kontinuität germanischen Volks- und Kulturlebens in den böhmischen Ländern.

In das weitgehend, aber nicht ganz von den Germanen geräumten böhmischen Raum drangen meist kampflos slawische Stämme ein, die von den Awaren bei ihrem raschen Vorstoß Richtung Westen vertrieben oder als unterworfene Hilfsvölker mitgeführt wurden. Sie bildeten nun im böhmisch-ostösterreichischen Raum einen Puffergürtel zwischen dem eigentlichen Awarenreich in der pannonischen Tiefebene mit Kern östlich der Theiss und dem langobardisch-bajuwarisch-fränkischen Gebiet im Westen. Die Übernahme vorslawischer Namen, vor allem germanischer Herkunft, belegen den direkten Kontakt der im Land verbliebenen Germanen mit den zuwandernden Slawen und eine Übergangszeit germanisch-slawischen Nebeneinanders. Dafür spricht auch die Tatsache, dass sich die slawischen Stämme unter der Führung eines Franken einten und von 623 bis 659 erfolgreich gegen die awarische Unterdrückung auflehnten. Dann zeichnet sich jedoch ein weitgehender kultureller Bruch ab. Bis zur Mitte des 8. Jhdt. verschwinden die böhmischen Länder aus den Chroniken.
Nachdem Karl der Große das Awarenreich zerschlagen hatte, unterwarf er 806 auch die böhmischen Slawenstämme. Diese mussten die fränkische Oberhoheit anerkennen und einen Jahrestribut entrichten. Das bedeutete die Anerkennung der deutschen Lehnshoheit und die dauerhafte Eingliederung Böhmens und Mährens in das fränkische und dann in das deutsche Reich, dem sie in der karolingischen Reichsteilung von 817 zugeteilt wurden.
In der Karolingerzeit setzt die erste deutsche Einwanderung in die böhmischen Länder ein. Die ostfränkische Herrschaft war soweit gefestigt, dass sich 845 eine beachtliche Zahl slawischer Anführer mit ihrem Gefolge in Regensburg taufen ließen. Kirchlich unterstand Böhmen dem Bistum Regensburg, von wo aus die Christianisierung geleitet wurde.
In Mähren entstand gleichzeitig ab 833 ein ausgedehntes slawisches Reich, das sich durch Annäherung an Byzanz vom fränkischen Einfluss zu lösen versuchte. Das nahe Böhmen wurde dabei teilweise in die wechselhaften Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Karolingerreich und den mährischen Fürsten mitgerissen, die in immer neuen Treueeiden gegenüber den Karolingern endeten. Schließlich machte der Ungarnsturm 907 den letzten Resten des Großmährischen Reiches ein Ende, als das vereinte baierisch-mährische Heer bei Pressburg geschlagen wurde. Das durch die Angriffe der Ungarn und das Ende der ostfränkischen Karolinger geschwächte deutsche Reich ermöglichte es dem Geschlecht der tschechischen Premysliden in Böhmen eine Herrschaft aufzubauen und zu festigen. 922 gelang es Herzog Arnulf von Bayern die alte Abhängigkeit zum deutschen Reich wiederherzustellen.

Rathaus in Reichenberg

Die besonderen Beziehungen zwischen dem böhmischen Herzog Wenzel I. (später heiliggesprochen und Landespatron) und dem deutschen König Heinrich I. belegt die dem sächsischen Volkspatron St. Veit (Vitus) geweihte Kirche auf dem Prager Burgberg. Die deutschfreundliche Linie der Premysliden, die durch Hinwendung und Eheschließungen selbst zu einem deutschen Fürstengeschlecht werden sollten, rief in einer zweiten Welle deutsche Kaufleute und Priester ins Land. Nach dem Sieg über die Madjaren 955, wurde auch Mähren wieder in den Reichsverband eingegliedert. Erster Bischof der neuen Diözese Prag, der ein Suffragan des Erzbistums Mainz war, wurde 975 der Sachse Thietmar.

Deutsche Besiedlungswelle im 12. Jahrhundert

1198 erlangte Herzog Ottokar I. vom deutschen König Philipp von Schwaben die erbliche Königswürde für Böhmen. Parallel zum slawischen Landesausbau durch Rodung und Anlegung von Märkten wurden vom Landesfürsten ab dem 12. Jahrhundert aus Österreich und Bayern, später auch aus Franken, Sachsen und Schlesien deutsche Bauern, Handwerker und Kaufleute ins Land gerufen und der deutsche Landesausbau eingeleitet. Damit setzte die deutsch-tschechische Symbiose zur fruchtbaren Entwicklung dieses wichtigen Transit- und Kernlandes des römisch-deutschen Reichs ein, an der schließlich Siedler aus dem gesamten Reichsgebiet beteiligt waren. Entwickelte landwirtschaftliche Anbaumethoden und die Dreifelderwirtschaft, Rechtsschutz, Handelsfreiheiten, Privilegien und Königsfreiheit für die deutschen Kaufleute ließen die königlichen Handelszentren, allen voran Prag, schnell zur Blüte kommen. Während Adel und Kirche vor allem auf den ländlichen Ausbau durch die Deutschen zielten, richtete sich das königliche Augenmerk auf Stadtgründungen, die meist nach dem Magdeburger, Nürnberger oder Wiener Recht erfolgten. Dadurch konnten bis zum Ende des 13. Jahrhunderts bisher unbesiedelte und landwirtschaftlich kaum genützte Randgebiete der böhmischen Länder und das ganze Land mit einem Netz von Stadtgründungen erschlossen werden. Hinzu kamen mehrheitlich deutsche Klostergründungen. Zu Ehren den Böhmenkönigs Otakar II. wurde das 1254 im preußischen Deutschordensland gegründete Königsberg benannt. Der deutsche Bevölkerungsanteil wuchs nun innerhalb weniger Generationen kräftig an.

1306 starben die Premysliden aus. Bereits damals konnten sich die benachbarten Habsburger berechtigte Hoffnungen auf die Nachfolge machen. Die Königswürde wurde jedoch dem moselfränkischen Haus der Luxemburger übertragen, das sie bis 1437 behaupten konnte. Das Land erlebte im 14. Jahrhundert eine beispiellose Blüte. Gleichzeitig beharrten Mähren und Schlesien auf ihrer eigenständigen Landeseinrichtungen, einem eigenen Landtag und eigenen Landesämtern.

Karlsbad
Karlsbad

1348 gründete Karl IV., König von Böhmen und römisch-deutscher Kaiser, in Prag die erste Universität im Gebiet des deutschen Reiches, die mit vollem Recht als erste deutsche Universität bezeichnet werden kann.
800 Jahre lebten Deutsche und Tschechen zumeist friedlich nebeneinander und gestalteten als die beiden Landesvölker gemeinsam die Landesentwicklung. Auftretende Spannungen hatten meistens religiöse oder soziale Motive und nicht nationale, wenngleich im späten 14. Jahrhundert die Bedeutung der Sprache als Ausdruck eigener Nationalität stärker in den Vordergrund trat. Trotz der landesfürstlichen Bemühungen um ein gemeinsames Landesbewusstsein, wurden in jener Zeit (früh)nationale Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen verschärft spürbar, die in den Hussitenkriegen von 1419-1436 eine

gewalttätige antideutsche Ausrichtung erhielten. Da die Deutschen kirchentreu blieben und den radikalen religiösen Positionen von Jan Hus nicht folgten, kam es zu ihrer gezielten Vertreibung aus den Städten, die von den Hussiten erobert werden konnten. Im tschechischen Hussitensturm wurden die große deutsche Sprachgebiete Innerböhmens, vor allem aber Mährens vernichtet.

Lediglich in Prag und in den Randgebieten mit den städtischen Zentren Pilsen und Eger konnten sich die Deutschen wenn auch unter großen Verlusten halten und auch ihre Mehrheit behaupten. Das Land, das im Deutschen Reich und darüber hinaus eine hervorragende Stellung eingenommen hatte, litt enormen Schaden, von denen es sich für 200 Jahre nicht mehr erholen konnte.
Die Deutschböhmen konzentrierten sich nun auf die Randgebiete der böhmischen Länder, über die sie direkt mit dem deutschen Sprachraum verbunden waren, rodeten die noch ausgedehnten Wälder und machten das Land urbar. Obwohl noch die hussitisch diktierten Landtagsbeschlüsse in Geltung waren, die den Deutschen den Zugang zu Landes- und Stadtämtern untersagten, hatten sie im 16. Jhdt. in mehreren innerböhmischen Städten wieder die Mehrheit zurückerlangt. In Mähren hingegen fand keine Diskriminierung statt, da die mehrheitlich katholischen Städte auch eine deutsche Bevölkerungsmehrheit hatten.

Teil Österreichs ab 1526

1526 kamen die böhmischen Länder schließlich an das Haus Habsburg und wurden ein Teil Österreichs. Im Dreißigjährigen Krieg (1620 Schlacht am Weißen Berg) standen gleichermaßen deutsche und tschechische Katholiken deutschen und tschechischen Protestanten gegenüber. Während das römisch-deutsche Reich bei Kriegsende entsetzlich geschwächt war, hatten sich die katholischen Habsburger in den böhmischen Ländern durchgesetzt. Die Gegenreformation nahm in Böhmen deutsche Züge an und führte zur teilweisen Verdrängung der tschechischen Sprache aus dem öffentlichen Raum. 1742/1757 ging im österreichischen Erbfolgekrieg der größte Teil Schlesiens bis auf das Gebiet von Teschen und Troppau an Preußen verloren. Die schlesischen Herzogtümer waren ab 1327 als Nebenländer zur Böhmischen Krone gekommen, deren Untertanen dadurch bald mehrheitlich Deutsche waren. Um 1785 wird der deutsche Anteil an den insgesamt 4,25 Mio Einwohnern von Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien auf mehr als 1,6 Mio geschätzt.
Bis 1806 blieben die Länder der böhmischen Krone ein Kernland des römisch-deutschen Reiches und nach den napoleonischen Wirren bis 1866 des Deutschen Bundes, in dem der Landesfürst als nunmehr österreichischer Kaiser den Vorsitz führte. Trotz ihrer geographischen Randlage, gingen von den Deutschböhmen wesentliche Impulse für das deutsche Kultur- und Geistesleben aus, man denke nur an Rainer Maria Rilke, Karl Kraus, Edmund Husserl, Sigmund Freud oder Marie von Ebner-Eschenbach.

Krummau
Krummau

Der deutsche Bevölkerungsanteil machte laut Volkszählung von 1846, bei er erstmals auch ein Sprachenerhebung stattfand, in Böhmen 38,6 Prozent, in Mähren 27,6 und in Österreichisch-Schlesien 47,7 Prozent aus, insgesamt also 36,5 Prozent. In der Landeshauptstadt Prag lebten 66.000 Deutsche (60,5 Prozent), 37.000 Tschechen (33,9 Prozent) und 6000 Juden (5,5 Prozent).
Selbstverständlich nahmen 1848 auch die Deutschböhmen an der Wahl zur ersten deutschen Nationalversammlung teil und entsandten ihre Abgeordneten in die Paulskirche nach Frankfurt am Main. Während sich auch die Tschechen Mährens beteiligten, blieben die Tschechen Böhmens der Nationalversammlung fern. Der von der Französischen Revolution ausgelöste Nationalismus hatte auch Böhmen erfasst und das sollte nun das Verhältnis der beiden Volksgruppen des Landes immer entschiedener prägen. Die Tschechen sprechen für diese Zeit von der „nationalen Wiedergeburt“. Der Weg der von der deutschen Romantik maßgeblich angestoßenen tschechischen Nationalbewegung führte seit 1848 von der Forderung nach kultureller Autonomie innerhalb Österreichs bis zum Separatismus und der Forderung nach einem selbständigen tschechischen Staat. Die schrittweise Verwirklichung dieser Zielsetzungen versetzte die Deutschböhmen in einen permanenten Rückzugskampf. 1880 sollte laut Sprachverordnung auch in den geschlossenen deutschen Gebieten Tschechisch zur zweiten Amtssprache und Tschechischkenntnisse auch in den deutschen Gebieten zur Voraussetzung für die staatliche Laufbahn werden. 1883 verloren die Deutschen die Mehrheit im (noch nach Klassen gewählten) böhmischen Landtag. Die 37 Prozent Deutschen erbrachten damals 53 Prozent des Steueraufkommens. Auf beiden Seiten erfolgte eine sich gegenseitig bedingende politische Radikalisierung. Das übernationale Gepräge der österreichischen Monarchie ließ diese Leidenschaften jedoch nicht in Gewalttätigkeiten ausarten. Eine nun vor allem von den Deutschen geforderte ethnisch-administrative Teilung des Landes in einen deutschen und eine tschechischen Landesteil kam jedoch nicht zustande.
Nicht unerwähnt bleiben soll die jüdische Gemeinschaft, die sich nach 1785 durch Zuzug vor allem aus Galizien verdreifacht hatte, häufig deutschsprachig und auch deutschfühlend war. Den zahlenmäßig höchsten Stand erreichten die Juden 1910 mit 1,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung. In den Städten Brünn und Prag war das jüdische Großbürgertum für den Erhalt kultureller Einrichtungen eine Stütze der deutschen Volksgruppe. Besonders in Prag hat das Nebeneinander von Deutschen, Tschechen und Juden besondere Spuren in der Kulturlandschaft hinterlassen, man denke an Franz Kafka, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch.
Durch Industrialisierung und Eingemeindungen hatte sich das ethnische Verhältnis vor allem in Prag radikal verschoben. 1890 gaben nur mehr 38.591 Prager Deutsch als ihre Umgangssprache an (15,3 Prozent), aber bereits 213.122 Tschechisch. Bis 1910 fiel der deutsche Anteil auf nur mehr 7,2 Prozent (32.000).

Eger

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg sollte die fast tausendjährige Einheit zwischen den böhmischen Ländern und dem römisch-deutschen Reich bzw. seinem österreichischen Nachfolgereich zerreißen. Ab Oktober 1918 begann sich der österreichisch-ungarische Vielvölkerstaat in seine ethnischen Bestandteile aufzulösen. Die 6,7 Millionen Tschechen forderten einerseits einen eigenen Nationalstaat, wollten aber gleichzeitig und im Widerspruch dazu, die Aufrechterhaltung der historischen Landesgrenzen und damit den Einschluss der ausgedehnten deutschen Siedlungsgebiete mit ihrem Industriereichtum und ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Am 28. Oktober 1918 wurde in Prag einseitig die „souveräne tschecho-slowakische Republik“ als slawischer Nationalstaat ausgerufen. Laut Ausrufung sollte er das von Tschechen und Slowaken besiedelte Land umfassen, doch die Grenzen waren nicht näher festgelegt worden. Die Deutschböhmen, die sich ihrer geographischen Lage entsprechend in den Ländern Deutschböhmen und Sudetenland und den beiden Kreisen Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren organisierten, erklärten darauf ihrerseits unter Berufung auf das vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker den Anschluss der deutschen Gebiete an die in Wien ausgerufene Republik Deutsch-Österreich, die sich als Teil der aus dem deutschen Kaiserreich hervorgegangenen Deutschen Republik verstand. Was die tschechische Führung für sich einforderte, war sie jedoch keineswegs bereit, auch ihren deutschen Landsleuten zu gewähren. Tschechische Truppen begannen ab dem 31. Oktober 1918 die deutschen Bezirke und sogar Gebietsteile jenseits der historischen Grenzen, wie die alte Reichspfandschaft Eger oder niederoberösterreichische Gebiete bei Feldsberg und Gmünd, zu besetzen und „vollendete Tatsachen“ zu schaffen. An verschiedenen Orten kam es zu Kämpfen, so in Brüx, Kaplitz, Gastorf und in Südmähren, die mindestens zehn Tote forderten. Die Deutschen leisteten aber insgesamt nur geringen bewaffneten Widerstand gegen das tschechische Militär, sondern konzentrierten sich auf den politischen Widerstand mit Massenkundgebungen und Streiks und verließen sich – wie die Deutschtiroler – auf das 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten mit dem feierlich proklamierten Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Währenddessen kam es an verschiedenen Orten zu blutigen Übergriffen gegen deutsche Zivilisten. Auf dem Marktplatz von Mährisch Trübau wurden am 29. November fünf Zivilisten erschossen und 20 verwundet. Tschechisches Militär drohte mehreren deutschen Städten mit Beschießung durch Artillerie, so Brüx am 29. November, Mährisch Schönberg und Eger am 15. Dezember. Hunderte Deutsche wurden als Geiseln verschleppt. Um den Widerstandswillen ihrer deutschen Landsleute zu brechen, schreckte man nicht davor zurück, Lebensmittel- und Kohlelieferungen in deren Gebiete zu unterbinden. Gleichzeitig wurden mit 28. Oktober auch die Lieferungen nach Wien gestoppt, um durch die absehbare Hungersnot im Zentrum Deutsch-Österreichs, den politischen Willen der Deutsch-Österreicher niederzudrücken. Bereits am 4. Dezember musste der österreichische Außenminister Otto Bauer unter dem enormen Druck des verheerenden Versorgungsengpasses der Stadt Wien signalisieren, dass Deutsch-Österreich gegen die militärische Besetzung keinen weiteren Widerstand leisten werde. Bis Ende 1918 hatten tschechische Verbände 95 Prozent der deutschen Gebiete besetzt.
Die Deutschböhmen, wie insgesamt ganz Deutsch-Österreich, setzten nun alle Hoffnungen auf die Friedenskonferenz in Paris. Um als geschlossene Volksgruppe auftreten und die eigenen Interessen gezielter wahrnehmen zu können, wurde nun ein neuer Sammelbegriff geprägt, der seither allgemeine Anwendung findet und den älteren Begriff Deutschböhmen weitgehend verdrängte. Die Deutschen der drei ehemaligen österreichischen Kronländer bezeichnen sich seither als Sudetendeutsche, nach dem langen Gebirgszug der Sudeten mit dem Riesengebirge und der Schneekoppe an der Grenze zu Sachsen und Schlesien. Die neue Bezeichnung schuf ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl und belegte auch sprachlich, dass das alte deutsch-tschechische Zusammenleben an einen Wendepunkt angelangt war.
Die anti-deutsche Politik fand in den tschechischen Nationalisten Tomas Masaryk und Edvard Benesch ihre Hauptvertreter. Auf der Friedenskonferenz in Paris betrieb die tschechische Staatsführung eine geradezu abenteuerliche Desinformationskampagne. Die Zahl der Sudetendeutschen wurde in den offiziellen Denkschriften halbiert und diese seien zudem weitgehend erst im letzten Jahrhundert im Zuge einer österreichischen „Germanisierungspolitik“ eingewandert. Die Argumente konnten zwar nicht überzeugen, trafen sich aber mit einer ohnehin auf Seite der europäischen Alliierten vorhandenen antideutschen Grundhaltung, die an einer Schwächung deutscher Interessen interessiert war. Amerikanische Bedenken wurden im fernen Paris und Washington von den Tschechen durch großzügige Versprechungen eines umfassenden Volksgruppenschutzes nach Schweizer Modell zerstreut, wonach Deutsch zur zweiten Landesprache werden sollte.
Die Realität vor Ort sah jedoch ganz anders aus. Am 4. März 1919 schoss tschechisches Militär wahllos in friedliche Großkundgebungen, mit denen die Sudetendeutschen im ganzen Land ihrer Forderung nach Selbstbestimmung und Anschluss an Deutsch-Österreich Nachdruck verleihen wollten. Das Verbrechen forderte 54 sudetendeutsche Todesopfer und eine Vielzahl von Verwundeten.
Die tschechische Seite konnte sich schließlich auf ganzer Linie durchsetzen. Im Friedensdiktat von Saint Germain vom 10. September 1919 wurden die deutschen Gebiete Böhmens, Mährens und Österreichisch-Schlesien (und darüber hinaus) der Tschechoslowakischen Republik zugesprochen. Mehr als 3,2 Millionen Deutsche wurden gegen ihren Willen zu tschechoslowakischen Staatsbürgern. Die Deutschen blieben ebenso wie die Slowaken und Ungarn von der Ausarbeitung der Staatsverfassung ausgeschlossen. Ihre Tschechisierung wurde zum unausgesprochenen Staatsziel erhoben.

Franzensbad

Die Tschechen hatten sich aus dem österreichischen Vielvölkerstaat „befreit“, aber selbst in verkleinerter Form einen neuen Vielvölkerstaat geschaffen. In der Tschechoslowakei stellten die Tschechen nur 47 Prozent des Staatsvolkes. Im Gegensatz zum habsburgischen Österreich wollten sie jedoch ihrer Nationalität alleinige Geltung verschaffen, der sich die anderen Nationalitäten, allen voran die Deutschen und Slowaken, aber auch die Ungarn, Polen, Ruthenen und Juden unterzuordnen hatten.
Die Gewährung der versprochenen Rechte und einer Gleichbehandlung blieb aus. Statt dessen begann die Ansiedlung von Tschechen in den deutschen Gebieten, vor allem Beamte und Staatsangestellte. Deutsche Beamte mussten ab 1920 eine tschechische Sprachprüfung ablegen. Trotz bestandener Prüfung wurden Tausende entlassen, allein 1926 rund 40.000 deutsche Eisenbahner und Postbedienstete. An ihre Stelle traten Tschechen. Die tschechische Schule wurde gefördert, die deutsche behindert. Deutsche Beamte und Angestellte wurden unter Druck gesetzt, ihre Kinder an die tschechische Schule zu schicken. Deutscher Widerspruch wurde unter den Generalverdacht der Illoyalität gestellt, die Sudetendeutsche als eine Art Staatsfremde behandelt, obwohl sie zu gleichen Titeln und mit gleichen Rechten Söhne und Töchter des Landes waren, wie die Tschechen. Durch eine Neueinteilung der Wahlkreise wurde die Zahl der deutschen Abgeordneten reduziert. Staatliche Investitionsprogramme wurde gezielt tschechischen Betrieben zugewiesen. Dementsprechend hart traf die Weltwirtschaftskrise die hoch industrialisierten deutschen Gebiete. Obwohl die Deutschen nur mehr 32 Prozent der Bevölkerung ausmachten, waren 62 Prozent der Arbeitslosen Deutsche. Bis zu mehr als 60 Prozent des Bodens wurde in den deutschen Bezirken enteignet und neu zuziehenden Tschechen übergeben oder in Staatsbesitz umgewandelt.
Dennoch fehlte es nicht an Versuchen der Deutschen, mit dem neuen Staat zusammenzuarbeiten und einen Ausgleich zu finden. Ab 1926 traten deutsche Parteien sogar in die tschechoslowakische Regierung ein mit dem Ziel, Benachteiligungen abzuwenden oder rückgängig zu machen. Ein entsprechender Erfolg blieb ihnen jedoch versagt. Zwischen 1920 und 1931 hatten sich die Sudetendeutschen in 24 Petitionen vergeblich an den Völkerbund gewandt, um auf ihre Diskriminierung und deprimierende Lage aufmerksam zu machen.
Nach der nationalsozialistischen Regierungsübernahme im Deutschen Reich kam es zu ausgedehnten Verfolgungsmaßnahmen gegen Sudetendeutsche durch den tschechischen Staat. So erwuchs unter der drückenden Diskriminierung aus der jüngeren Generation mit der Sudetendeutschen Partei unter der Führung von Konrad Henlein und unter dem Eindruck des Macht- und Prestigegewinns des Deutschen Reiches eine neue politische Kraft, die als Sammelpartei möglichst alle Sudetendeutschen vereinen sollte. Die SdP ging zunächst auf ausdrückliche Distanz zur NSDAP und forderte 1934 eine Autonomie für die Sudetendeutschen innerhalb der Tschechoslowakei. Bei den Parlamentswahlen 1935 konnte sie zwei Drittel der sudetendeutschen Stimmen erringen. Doch die tschechische Uneinsichtigkeit führte zu einer immer angespannteren Situation. Das am 31. Mai 1936 erlassene Staatsverteidigungsgesetz schränkte wesentliche bürgerliche Freiheitsrechte ein, bot Handhabe für willkürliche Verhaftungen und offenbarte eine deutliche, gegen die nicht-tschechischen Volksgruppen, allen voran Deutsche und Ungarn gerichtete Stoßrichtung. Am 26. April 1936 richteten die älteren deutschen Parteien mit Wenzel Jaksch (Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei), Hans Schütz (Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei) und Gustav Hacker (Bund der Landwirte) einen dramatischen Appell an die tschechische Staatsführung, eine Geste der Versöhnung zwischen den Volksgruppen zu setzen, der jedoch ungehört verhallte.
Die SdP brachte 1937 Gesetzesentwürfe zur Gleichstellung aller nationalen Minderheiten ein, die allesamt von der tschechischen Mehrheit als „verfassungswidrig“ abgelehnt wurden.
Mit dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 an das Deutsche Reich erhielt die sudetendeutsche Frage unmittelbare Aktualität. Seit November 1937 war Adolf Hitler entschlossen, die sudetendeutsche Frage zu lösen, was er am 28. März 1938 auch den SdP-Führern bekanntgab. Der nationalsozialistische Flügel in der SdP erhielt durch die direkte Parteinahme des Deutschen Reichs entsprechendes Gewicht. Die Westmächte waren nun nicht mehr bereit, für die völlig verfehlte tschechische Minderheitenpolitik von Masaryk und Benesch einen Krieg zu riskieren. Vor allem in London war man geneigt, den offensichtlich berechtigten sudetendeutschen Forderungen nachzugeben und den Fehler von 1919 zu korrigieren. Am 19. September verständigten sich Frankreich und Großbritannien auf eine Empfehlung an die tschechische Regierung, die von mehr als 50 Prozent Deutschen bewohnten und an das Deutsche Reich angrenzenden Gebiete an dieses abzutreten und dafür eine internationale Garantie der neuen Grenzen zu erhalten. Als Prag erkennen musste, sich mit seiner uneinsichtigen Position international völlig isoliert zu haben, willigte es am 21. September in den französisch-englischen Vorschlag ein. Am 29. September 1938 kam es im Münchener Abkommen zur Abtretung des Sudetenlandes mit 29.000 qkm und 3,3 Mio einheimischer Bevölkerung, von denen 91 Prozent Deutsche waren, an das Dritte Reich. Rund 400.000 Deutsche in den Sprachinsel blieben beim tschechoslowakischen Staat (4 Prozent der Bevölkerung). Nach den Regierungen stimmten auch das britische und französische Parlament mit großer Mehrheit dieser Lösung der sudetendeutsche Frage zu.

Kaaden

Vertreibung, Mord und Enteignung

Im Zuge des slowakischen Separatismus kam es am 15. März 1939 zur Besetzung des tschechischen Staates durch reichsdeutsche Truppen, der als Reichsprotektorat Böhmen-Mähren dem Reich einverleibt wurde. Den wenige Monate später ausbrechenden Zweiten Weltkrieg erlebte das Protektorat in weitgehender Ruhe. Die Tschechen waren vom Kriegsdienst befreit und arbeitsrechtlich den Deutschen gleichgestellt. Die Lebensmittelversorgung funktionierte.

Die Alliierten einigten sich mit fortschreitendem Krieg auf die Wiederrichtung der Tschechoslowakei in den Grenzen von 1919 (ausgenommen die Karpato-Ukraine, die an die Sowjetunion fallen sollte). Im Frühjahr 1944 billigten die Westalliierten zudem die militärische Besetzung durch die Rote Armee. Am 5. April 1945 verkündete die unter Moskauer Ägide gebildete provisorische Regierung die Enteignung und Vertreibung der Deutschen und der Madjaren aus der Tschechoslowakei in den Grenzen von 1937. Die von den Kommunisten beherrschte tschechische Regierung unter Zdenek Fierlinger machte sich sofort an die radikale Austreibung der Sudetendeutschen. Seit dem 5. Mai 1945 kam es ausgehend von Prag zu grausamen Exzessen gegen die deutsche Bevölkerung. Ihren rechtlichen Niederschlag fand die völlige Entrechtung der Deutschen in den 143 Benesch-Dekreten, benannt nach dem damals erneut zum Staatspräsidenten aufgestiegenen Edvard Benesch. Die Sudentendeutschen sollten, so der offizielle Legitimationsversuch, für Hitlers Tschechien-Politik bezahlen. Tatsächlich wurde ein seit langem gehegter Wunsch nach einem ethnisch reinen tschechischen Staat realisiert, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg erstmals formuliert, um 1920 von Masaryk weitergetragen und wiederum im Herbst 1938 in tschechischen Exilkreisen um Benesch vertreten wurde. Erreichbar war dieses Ziel nur durch den Genozid der deutschen Landesbevölkerung. Mit den unglaublich brutalen Ausschreitungen gegen die Sudetendeutschen sollten bewusst vollendete Tatsachen geschafft werden. Erst am 3. Juli 1945 erfolgte ein formaler tschechoslowakischer Antrag an die Alliierten auf Vertreibung der Deutschen. Am 2. August stimmten Josef Stalin, Harry Truman und Clement Attlee als Vertreter der drei Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien mit euphemistischen Worten auf der Konferenz von Potsdam dem Ethnozid der Deutschen zu: „Die drei Regierungen (…) erkennen, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muss.“ US-Präsident Truman schrieb am 15. Januar 1946 dazu: „In Potsdam wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt und durch die Umstände gezwungen,… zuzustimmen. Es war ein willkürlicher Gewaltakt.“
Der „willkürliche Gewaltakt“ führte zur Massenvertreibung von drei Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat, bei der rund 272.000 von ihnen einen oft grausamen Tod erlitten. Lediglich 200.000 Deutsche konnten aus verschiedenen Gründen in ihrer Heimat zurückbleiben. Vor allem Facharbeiter wurden zurückbehalten, da sie in wirtschaftsrelevanten Betrieben gebraucht wurden. Mehr als 60.000 von ihnen wurden von tschechischen Volksgerichtshöfen als „Kriegsverbrecher“ verurteilt, etwa 1.000 hingerichtet.
1,9 Millionen der vertriebenen Sudetendeutschen fanden in den westlichen Besatzungszonen bzw. der späteren Bundesrepublik Deutschland Zuflucht und neue Heimat, rund 900.000 in der sowjetischen Besatzungszone und etwa 150.000 in Österreich.
In West-Deutschland und Österreich begannen sie sich bald neu zu organisieren, um das Erbe ihrer sudetendeutschen Heimat zu bewahren. Am 24. Januar 1950 wurde schließlich die Sudetendeutsche Landsmannschaft als Bundesverband gegründet, der auch die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich angehört. Bereits 1950 verzichteten die vertriebenen Sudetendeutschen in der „Charta der Heimatvertriebenen“ auf jede Form der Vergeltung, erheben jedoch ungebrochen Anspruch auf ihr Recht auf Heimat und die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes. Gegen den Willen der Betroffenen unterzeichnete West-Deutschland 1973 mit der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik den Prager Vertrag, in dem die Nichtigkeit des Münchner Abkommens von 1938 erklärt wurde. Ebenso wurde auf Gebietsansprüche verzichtet und die Unverletzlichkeit der gemeinsamen Grenzen erklärt. Die Frage der Entschädigung und der Rechte der deutschen Vertriebenen wurde jedoch ausgeklammert.
Die in der Heimat verbliebenen Deutschen waren nach dem Zweiten Weltkrieg einem enormen Assimilierungsdruck ausgesetzt. Sie mussten zur „unsichtbaren“ Volksgruppe werden, die entsprechend zusammenschrumpfte. Anfang der 1970er Jahre wurden nur noch etwas mehr als 80.000 Deutsche gezählt.

Znaim

Deutsche in Tschechien nach 1989

Als 1989 der Ostblock zusammenbrach und die kommunistische Diktatur auch in der Tschechoslowakei endete, hofften viele Vertriebene, dass auch die sudetendeutsche Frage auf die politische Tagesordnung zurückkehren würde. Sie wurden jedoch schwer enttäuscht. Die Bundesrepublik Deutschland zahlte für die deutsche Wiedervereinigung u.a. auch den Preis, keine territorialen Ansprüche gegenüber der Tschechoslowakei zu erheben. 1992 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Tschechoslowakische Föderative Republik einen Nachbarschaftsvertrag, in welchem sich Prag zur Anerkennung und zum Schutz der deutschen Volksgruppe verpflichtete (wenngleich in einer völlig assymetrischen Formulierung, mit der etwaige in der Bundesrepublik lebende Tschechen und Slowaken der bodenständigen deutschen Volksgruppe in den böhmischen Ländern und der Slowakei gleichsetzt wurden). Im selben Jahr zerbrach die tschechoslowakische Föderation erneut wie bereits 1939, ohne jedoch Auswirkungen für die deutsche Volksgruppe zu zeitigen. In der Deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 räumte die Tschechische Republik erstmals ein „Bedauern“ über Leid und Unrecht ein, das den Sudetendeutschen durch die Enteignung, Ausbürgerung und Vertreibung geschehen ist. Noch im selben Jahr wurde der Deutsch-tschechische Zukunftsfonds mit Sitz in Prag gegründet.
Die Republik Tschechien weigert sich jedoch bis heute die menschenverachtenden, antideutschen Benesch-Dekrete aufzuheben und Wiedergutmachung zu leisten. Auch der EU-Beitritt 2004 änderte daran nichts, da weder die Bundesrepublik Deutschland noch Österreich die Aufhebung der Dekrete zum Junktim erhoben.
Bei der Volkszählung 2001 bekannten sich 39.100 tschechische Staatsbürger zur deutschen Volksgruppe. Den höchsten deutschen Bevölkerungsanteil zählt mit 4,5 Prozent der Bezirk Falkenau an der Eger (tsch. Sokolov), ein Zentrum des Braunkohlebergbaus am Fuß des Erzgebirges. In Kupferberg bekennt sich ein Viertel der Bewohner zu ihrem Deutschtum. Ein Fünftel ist es in den kleinen Orten Dotterwies, Innergefild und Christophhammer.
Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft entstand die Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien mit Sitz in Prag als Dachorganisation der deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik. In der Landesversammlung sind 23 deutsche Organisationen zusammenschlossen. Sie bemüht sich um kulturelle, soziale, aber auch politische Belange und hat die Trägerschaft von deutsch-tschechischen Begegnungszentren inne. Seit 1994 gibt sie 14-tägig die Landeszeitung heraus (www.landeszeitung.cz). Bereits seit 1991 besteht mit der Prager Zeitung auch eine Wochenzeitung für die Deutschen in Tschechien (www.pragerzeitung.cz).