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Baltische Länder

Bis 1180 befindet sich im Baltikum das letzte heidnische Gebiet zwischen dem römisch-katholischen Westen und dem russischorthodoxen Osten. Es ist schon damals ein geografisch interessantes Gebiet für den Fernhandel, denn es bietet die günstigsten Handelswege von Skandinavien nach Russland bis hin zum Schwarzen Meer. Die Wikinger, die Dänen und russische Fürsten versuchen, baltische Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. Die ansässigen Bauern, Fischer und Jäger gehören zu verschiedenen Völkern. Die Esten und Liven sind Ostseefinnen. Die Semgaller, Lettgaller, Selen und Kuren bilden später zusammen das Volk der Letten. Die Letten und Litauer gehören zu den baltischen (indogermanischen) Völkern. In den sozial abgestuften Sippengemeinschaften bilden Älteste die Oberhäupter. Zum Schutz vor räuberischen Nachbarn und einfallenden Russen und Wikingern bauen sie Wallburgen. Sie treiben Handel mit Honig, Wachs, Talg, Bernstein und Fellen. Die Balten sind geschickte Handwerker und fertigen z. B. Schmuckstücke aus importiertem Gold, Silber und Bronze. Die Bewohner der estnischen und kurischen Küsten machen den Wikingern mit kühnen Raubzügen auf der Ostsee Konkurrenz. Der heidnische Götterkult der baltischen Stämme ähnelt dem der Germanen. Ende des 12. Jahrhunderts erreicht der Fernhandel von Lübeck aus über Visby (Gotland) die baltischen Küsten. Den Kaufleuten schließt sich auch Meinhard, ein Chorherr aus dem Kloster Segeberg in Holstein, an, um unter den Dünaliven das Christentum zu predigen. Er lässt in Üxküll an der Düna die erste Kirche im baltischen Raum errichten. Meinhard wird 1186 erster Bischof von Livland. Seine friedliche Missionstätigkeit hat nur begrenzte Erfolge.

Eine neue Epoche beginnt für die baltische Region durch eine Bulle von Papst Innozenz III. im Jahre 1199. Darin ruft der Papst zum Kreuzzug auf, um dem baltischen Heidenland das Christentum zu bringen. Der Bremer Domherr Albert von Buxhoeveden wird als Bischof von Livland der bedeutendste Stratege der nun folgenden gewaltsamen Bezwingung des Heidentums. 1201 gründet er nahe einer livischen Siedlung an der Düna die Stadt Riga als bischöflichen Stützpunkt. 1202 wird ihm der Schwertbrüderorden zur Unterwerfung der Heiden und zum Schutz der missionierten Gebiete unterstellt. Der Papst weiht das neu eroberte Land der Jungfrau Maria, so dass man im Mittelalter auch vom „Marienland Livland“ spricht. Die Einheimischen wehren sich erbittert in zahlreichen Aufständen gegen den Verlust ihrer Selbständigkeit. Der Schwertbrüderorden geht (1236) nach einer vernichtenden Niederlage gegen die Litauer im Deutschen Orden auf, der die Missionierung fortsetzt. Das Vordringen des Deutschen Ordens bis auf russisches Gebiet wird 1242 vom Novgoroder Fürsten Alexander Nevskij durch einen Sieg am Peipussee beendet. 1346 kauft der Deutsche Orden von König Waldemar IV. von Dänemark das 1219 von den Dänen eroberte nördliche Estland. Nun steht das gesamte von Esten, Liven und Letten bewohnte Gebiet unter deutscher Herrschaft. Livland besteht aus vier geistlichen Stiften und dem Ordensland. Die Stifte werden von Bischöfen beherrscht, die ständig mit dem Ordensmeister rivalisieren. Die geistlichen Landesherren bauen mächtige steinerne Ordens- und Bischofsburgen und Kirchen. Die deutschen Vasallen bekommen für Kriegsdienst Land zu Lehen. Der Stand der Lehnsritter wird erbberechtigt und schließt sich zu Ritterschaften zusammen. Unter dem Namen Livland gehören das heutige Estland und Lettland bis 1561 dem Römischen Reich deutscher Nation an. Die geistlichen Landesherren sind zuletzt Reichsfürsten.

Hansestädte

Die Städte Livlands sind Gründungen der geistlichen Landesherren und niederdeutscher Kaufleute. Zu den wichtigsten Städten werden Riga, Reval (Tallinn) und Dorpat (Tartu). Die Altstadt von Reval ist bis heute ein besonders schönes Beispiel von hansischer Stadtkultur. Zehn livländische Städte sind im Mittelalter Mitglied der Hanse. Für den gesamten Osthandel sind die baltischen Hafenstädte Zwischenstationen für den Handel mit Russland. Im Nowgoroder Hansekontor gewinnen Reval und Dorpat die Führungsrolle. Die Monopolstellung beim Transithandel nach Russland bringt den baltischen Städten Wohlstand. Für das Stadtrecht in Livland sind Lübeck und Hamburg das Vorbild. In Reval, Narwa und Wesenberg gilt im Mittelalter Lübisches Recht, und Lübeck ist Berufungsinstanz bei Prozessen. Riga entwickelt aus dem Hamburger Recht ein eigenes Rigisches Recht und wird höchste Instanz für fast alle Städte Livlands. Kaufleute und Handwerker sind in Gilden zusammengeschlossen. Der Rat der Stadt geht aus den Kaufmannsgilden hervor. In der „Bruderschaft der Schwarzen Häupter“ sind unverheiratete Kaufleute in Riga, Reval und Dorpat zusammengeschlossen. Ihr Schutzpatron ist der Heilige Mauritius. Ihre Häuser gehören zu den prächtigsten Gebäuden in Riga und Reval.

Eingangsportal des Stadtmuseums in Reval/Tallinn Estland, einem ehemaligen Hanse-Kaufmannshaus

Eine ständige Zuwanderung von deutschen Kaufleuten, Handwerkern, Künstlern und später auch Akademikern erneuert und vergrößert die Bevölkerung in den baltischen Städten. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein sind die Städte im heutigen Estland und Lettland zur Hälfte oder gar überwiegend von Deutschen bewohnt. Außer Esten, Liven und Letten lassen sich auch Schweden, Dänen und Finnen, Russen, Polen und Litauer, später auch Juden in den Städten nieder. Ein Teil von ihnen wird in einem nicht nachprüfbaren Ausmaß von der deutschen Bevölkerung assimiliert.

Das Ende Alt-Livlands

Der Zusammenschluss Polens mit Litauen und das Erstarken des Großfürstentums Moskau bedrohen die Existenz Livlands. Moskau beansprucht unter Ivan III. (1462-1505) mit wiederholten Kriegszügen Teile von Livland und drängt zu den Ostseehäfen. Der bedeutendste livländische Ordensmeister, Wolter von Plettenberg aus Westfalen (1495-1535), kann das Land gegen die äußere Gefahr einigen. In der Schlacht am Smolina-See im Jahre 1502 besiegen seine Krieger eine gewaltige russische Übermacht. Eine dadurch gesicherte lange Friedensperiode bringt dem Land eine wirtschaftliche Hochblüte. Die Bedeutung der Städte wächst. Die Reformation erschüttert in ganz Europa die Machtposition der katholischen Kirche. Zur Regierungszeit Wolter von Plettenbergs beginnt sie in Livland Fuss zu fassen. 1523 richtet Martin Luther ein persönliches Sendschreiben „An die auserwählten lieben Freunde Gottes, die Christen zu Riga, Reval und Dorpat in Livland“. Auf dem Ständetag in Reval kommt es 1524 zu einem Religionsbündnis der Ritterschaften und Städte. Das bedeutet den Siegeszug der Reformation in Livland. Ordensmeister von Plettenberg duldet den neuen Glauben, bleibt aber selbst katholisch und lehnt die ihm angetragene Alleinherrschaft als weltlicher Herzog ab.

Der verheerende Livländische Krieg beginnt 1558 unter Iwan IV., genannt der Schreckliche (1533-1584), und lässt den Deutschen Orden als Machtfaktor in Livland untergehen. Kaiser Ferdinand I., die deutschen Fürsten und die mächtigen Hansestädte leisten so gut wie keine Hilfe. Um der Russenherrschaft zu entgehen, unterwirft sich Estland 1561 dem schwedischen König Erich XIV. Die Insel Ösel und das Stift Pilten kommen 1559 zu Dänemark. Der letzte livländische Ordensmeister, Gotthard Kettler, huldigt dem König von Polen-Litauen und wird 1562 „Herzog in Livland zu Kurland und Semgallen“ unter polnischer Lehnshoheit. Der Kern Livlands wird als Provinz ein Teil Polen-Litauens.

Unter Polen und Schweden

Die Anbindung der baltischen Gebiete an Polen-Litauen und Schweden erfolgt durch förmliche Unterwerfungsverträge. Beim Aushandeln der Verträge kommt es den Städten und Ritterschaften sowie dem Ordensmeister Kettler auf den Erhalt des evangelischen Glaubens, des deutschen Rechts, der deutschen Obrigkeit im Lande und der deutschen Behördensprache an. Diese Privilegien werden ihnen zugesichert. Als grundlegend gilt dabei für Livland und Kurland das „Privilegium Sigismundi Augusti“, das die livländischen Unterhändler 1561 mit dem polnischen König ausgehandelt haben.

Während der polnischen Zeit in Livland herrscht fast ständig Krieg zwischen Polen, Schweden und Russen, die ebenfalls einen Fuß im Lande haben. König Gustav Adolf von Schweden (1611-1632) beherrscht die Ostsee, einschließlich Estlands, und gewinnt 1621-1629 auch Livland. 1645 kommt die Insel Ösel nach einem schwedisch-dänischen Krieg zu Schweden.

Burg von Treyden (Turaida), errichtet 1214 von Erzbischof Albert von Riga

In der schwedischen Zeit in Estland (1561-1710) und in Livland (1621-1710) erhält die deutsche Selbstverwaltung auf Gebieten wie Administration, Rechtspflege, Kirchenordnung und Bildungswesen neue rechtliche Strukturen. 1632 stiftet Gustav Adolf die Universität Dorpat. Die baltische Buchdruckerkunst erlebt eine erste Blütezeit. Die Stadt Riga wird durch ein Privilegium nach Stockholm zweit-, Reval drittwichtigste Stadt Schwedens. Ende des 17. Jahrhunderts schwächt der absolutistisch regierende schwedische König Karl XI. die Position des Adels durch eine Güterreduktion und schränkt die deutschen Rechte ein.

Als Auswirkung der Reformation übersetzen deutsche Pastoren den Katechismus (schon ab 1525), geistliche Lieder und später auch die Bibel ins Estnische und Lettische. Dadurch entsteht die Grundlage für die estnische und lettische Schriftsprache. Auf Betreiben der Pastoren werden Kirchspielschulen für das lettische und estnische Landvolk eingerichtet.

Herzogtum Kurland

Das Herzogtum Kurland ist von 1562 bis 1795 ein selbständiger Staat. Er ist der Krone Polens durch den Lehnseid des Herzogs verpflichtet. Kurlands Hauptstadt wird Mitau (Jelgawa). Die kurländischen Herzöge aus dem Geschlecht der Kettler (1562-1737) und Biron (1737-1795) sind nach außen Fürsten von europäischem Rang. Bei der Verwaltung des Landes behauptet die kurländische Ritterschaft allerdings eine starke Position. Hier gelten die gleichen deutschen Privilegien wie in Livland und Estland.

Unter den Kettlers ragt Herzog Jakob (1642-1681) durch seine merkantilistische Handelspolitik hervor. Er gründet in Kurland über 70 Manufakturen und industrielle Betriebe. Er baut eine eigene kurländische Kriegs- und Handelsflotte auf und erwirbt kurländische Kolonien am Gambia in Afrika und die Antilleninsel Tobago. Sie gehen Jahrzehnte später an Holland und England verloren. Herzog Jakob, Patensohn des englischen Königs Jakob I. und Schwager des Großen Kurfürsten von Brandenburg, gibt Kurland eine mitteleuropäische Orientierung. Unter den Birons erfährt Kurland eine Hinwendung zu Russland. Herzog Ernst Johann Biron kommt als Günstling der Zarin Anna auf den Thron. Er entfaltet eine großartige Bautätigkeit und holt den weltbekannten italienischen Architekten des Zarenhofes, Rastrelli, nach Kurland. 1737 beginnt Rastrelli mit dem Bau des Schlosses in Mitau und der Sommerresidenz Ruhental unter Mitarbeit deutscher, russischer, italienischer und französischer Künstler. Der letzte Herzog von Kurland, Peter Biron, lässt in Berlin 1790-96 ein klassizistisches Tafelservice mit 450 Teilen anfertigen, dessen Muster noch heute unter dem Namen Kurland hergestellt wird. Die dritte polnische Teilung (1795) bedeutet das Ende des Herzogtums Kurland. Ein Teil Polens und Litauen kommen zum Russischen Reich. Die kurländische Ritterschaft unterstellt sich Katharina II. und behält ihre deutschen Privilegien.

Russlands Ostseeprovinzen

Der Nordische Krieg zwischen Schweden und Russland (1700-1721) entscheidet über das Schicksal von Estland und Livland. Karl XII. von Schweden und Peter I. von Russland kämpfen um die Vorherrschaft an der Ostsee. Im Heer Karls des XII. sind Dreifünftel aller Offiziere baltisch-deutscher Herkunft. Ein Viertel von ihnen fällt für Schweden. Livland und Estland sind Schlachtfelder der beiden Kriegsmächte und haben unter den Folgen der Verwüstungen noch jahrzehntelang zu leiden. Auf Seiten Russlands taktiert der Livländer Reinhold v. Patkul als Berater Peters des Großen gegen Schweden. Patkul ist wegen seines Protestes gegen die Einschränkung livländischer Rechte beim schwedischen König in Ungnade gefallen und zum Tode verurteilt worden. 1707 wird Patkul in Sachsen an die Schweden ausgeliefert und dort gerädert und geköpft.

Nach der Schlacht von Poltawa, 1709, ist Schwedens Macht gebrochen. In Livland und Estland dezimiert die Pest die Bevölkerung auf ein Drittel. 1710 fällt Riga nach halbjähriger Belagerung, danach Pernau, Arensburg und Reval. Die Städte und die Ritterschaften schließen mit Peter I. Kapitulationsverträge. Peter der Große sieht in den baltischen Provinzen „ein Fenster nach Europa“. Er stattet die Stände im Nystädter Frieden 1721 mit völkerrechtlich verbindlichen Privilegien aus, die von allen nachfolgenden Zarinnen und Zaren bis zu Alexander II. (1855) bestätigt werden. Die Privilegien bedeuten weiterhin: Glaubensfreiheit, deutsche Verwaltung, deutsche Sprache, deutsches Recht. Estland, Livland und Kurland (ab 1795) werden deswegen auch als die „deutschen“ Ostseeprovinzen Russlands bezeichnet.

Im 18. Jahrhundert erreicht der Adel die größte Macht. Die Bauern geraten in die besonders verschärfte russische Form der Leibeigenschaft.

Selbstverwaltung der Ritterschaften

Die deutsche Selbstverwaltung in den Ostseeprovinzen wird in Stadt und Land unterschiedlich ausgeübt. Die Interessen der Städte vertreten Rat und Gilden, die Interessen des Landes vertreten die Ritterschaften. Dabei handeln die einzelnen Provinzen ebenso wie die Städte unabhängig voneinander, jeweils nach eigenem Recht. Alle entscheidenden Landesämter werden ehrenamtlich wahrgenommen.

Die Ritterschaften in Estland, Livland, Kurland und auf der Insel Ösel entscheiden über alle Angelegenheiten des Landes, das jeweils einem Gouverneur untersteht. Jedes Rittergut bzw. jeder Rittergutsbesitzer hat Sitz und Stimme im Landtag. Der Landtag wählt den Repräsentanten der Ritterschaft. Dieser heißt in Estland Ritterschaftshauptmann, in Livland und auf der Insel Ösel Landmarschall und in Kurland Landesbevollmächtigter.

Der Landtag fasst in Abstimmungen die Beschlüsse, die die Selbstverwaltung betreffen. Die Richtlinien und die Stellenbesetzung im Bereich von Justiz, Polizei, Behörden, Kirchspiel, Schulwesen, Post und Wegebau liegen in der Verantwortung der Ritterschaft. Außerdem unterhält die Ritterschaft Kirchen, Schulen, Krankenhäuser und zahlreiche wohltätige Stiftungen. Die Selbstverwaltung wird durch eine erhebliche freiwillige Selbstbesteuerung finanziert. Jede Provinz ist in Landkreise aufgeteilt. Landräte und Kreisdeputierte bilden die Entscheidungsgremien zwischen den Landtagen. In Livland wird die Ritterschaft außerdem durch den residierenden Landrat in der Landeshauptstadt Riga vertreten. In Estland bilden die Landräte zugleich das oberste Landesgericht.

Aufklärung

Die Ideen der Aufklärung gelangen Ende des 18. Jahrhunderts von Mitteleuropa aus in die baltischen Länder. Zu dieser Zeit wandern viele akademisch gebildete Deutsche, vor allem aus Ostpreußen, Thüringen und Sachsen, in die Ostseeprovinzen ein. Zwischen Adel und Kaufmannschaft entsteht der Stand der „Literaten“. Theologen, Gelehrte, Buchhändler und Verleger machen die Ideale der Aufklärung populär. Dadurch entsteht eine neue Sichtweise im Hinblick auf die rechtlose Lage der Bauern und ein Interesse für die Kultur der Esten und Letten.

Eine nachhaltige Rolle spielt Johann Gottfried Herder, der von 1764-69 an der Domschule von Riga lehrt. Er regt durch die Sammlung estnischer und lettischer Volkslieder die Beschäftigung mit den Ursprüngen der Völker an. Der kurländische Pastor Gotthard Friedrich Stender (1714- 96) widmet sich sein Leben lang der Fortbildung der lettischem Schriftsprache. Er erarbeitet eine lettische Grammatik, ein Wörterbuch und eine Enzyklopädie und trägt durch literarische Übersetzungen zur Entfaltung des lettischen Geisteslebens bei. In Estland wirkt die in Pernau erscheinende Zeitschrift „Beiträge zur genaueren Kenntnis der estnischen Sprache“ (1813-23) befruchtend auf das estnische Schrifttum. Der mitreißende Schriftsteller Garlieb Merkel übt mit seinem sozialkritischen Buch „Die Letten“ (1797) eine starke Wirkung auf die öffentliche Meinung aus.

Auf Betreiben liberal denkender Aristokraten beschließen die Ritterschaften zwischen 1816 und 1819 Gesetze zur Bauernbefreiung in Estland, Kurland und Livland. Dies erfolgt Jahrzehnte vor der Abschaffung der Leibeigenschaft im übrigen Zarenreich. Aber erst durch die Agrarreformen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann ein selbständiges estnisches und lettisches Bauerntum mit eigenem Grundbesitz entstehen. Bahnbrechend für die Zukunft ist auch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht.

Universität Dorpat

Die Universität Dorpat wird 1802 unter Zar Alexander I. im Geiste der Aufklärung neu gegründet. Sie war 1632 von Gustav Adolf von Schweden gestiftet worden und musste ihre Pforten im Nordischen Krieg (1710) schließen. Die deutschsprachige Landesuniversität gibt den Provinzen Estland, Livland und Kurland ein gemeinsames geistiges Zentrum. In den folgenden Jahrzehnten gelangt die Universität Dorpat zur Blüte in Lehre und Forschung. Sie strahlt in ihrer Bedeutung ins übrige Zarenreich aus und hält enge Verbindung zum deutschen Mutterland. Dorpater Wissenschaftler sind im Russischen Reich führend auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Medizin, der Pharmazie, der Astronomie und der evangelischen Theologie. Überregionale Bedeutung gewinnen auch die Rechtswissenschaft und die Geschichtswissenschaft.

Hauptgebäude der Universität Tartu/Dorpat

Die Studentenschaft besteht bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu etwa 70% aus Landeskindern deutscher Herkunft. Die Kurländer, Estländer, Livländer und Rigenser begründen in den Jahren zwischen 1808 und 1823 ihre Korporationen der Curonia, Estonia, Livonia und Fraternitas Rigensis. Die Korporationen, die keinen Duellzwang kennen, vertreten hohe Ehrbegriffe und Erziehungsideale. Sie prägen Generationen von Balten. Die in Dorpat studierenden Esten, Letten, Russen, Polen und Juden schließen sich nach deutschem Vorbild zu eigenen Verbindungen zusammen. Durch das Studium an der gemeinsamen Universität kommen sich die Stände und die Akademiker verschiedener Nationalitäten näher.

Die kulturellen Bindungen der Balten zu deutscher Literatur, Malerei und Musik bleiben eng. Richard Wagner ist von 1837-39 Kapellmeister in Riga. Clara und Robert Schumann und Franz Liszt werden im Baltikum gefeiert. In enger Verbindung zu den Dichtern und Denkern in Deutschland steht die Kurländerin Elisa v. der Recke. Baltische Schriftsteller wie Jakob Michael Reinhold Lenz und Eduard v. Keyserling wirken in Deutschland, ebenso Maler wie Gerhard und Wilhelm v. Kügelgen und Eduard v. Gebhardt. Mitteleuropäischer Einfluss zeigt sich in den baltischen Ländern auch im kunsthandwerklichen Bereich wie in der hervorragenden Silberschmiede- und Buchdruckerkunst.

Nationales Erwachen

Die im 19. Jahrhundert entstehende estnische und lettische Bildungsschicht emanzipiert sich vom deutschen Leitbild und gründet muttersprachliche Zeitungen, Theater und Vereine. In Estland wird die Veröffentlichung des Nationalepos „Kalevipoeg“ (Sohn des Kalev) im Jahre 1857 zum Symbol der kulturellen Selbstbehauptung. 1869 findet das erste gesamtestnische Sängerfest in Dorpat statt, 1873 das erste gesamtlettische Sängerfest in Riga. Im Gesang drücken die baltischen Völker ihre Gefühle und ihre Heimatliebe aus. Dichter und Schriftsteller wie der Lette Janis Rainis und die Estin Lydia Koidula sind bekannte Vertreter einer eigensprachlichen Lyrik und Prosa. Auch in der Malerei und in der Publizistik beschreiten Letten und Esten eigene Wege. Interessierte baltische Deutsche wie Georg v. Schultz-Bertram und August Bielenstein fördern in Gelehrten Gesellschaften die Erforschung der estnischen und lettischen Kultur. Der nationalen Bewegung wird zunächst keine besondere politische Bedeutung beigemessen. In Litauen wird der Druck eigener Publikationen 1864 verboten. Litauische Schriften erscheinen im benachbarten Preußen und werden von „Bücherträgern“ über die Grenze geschmuggelt.

Russifizierung

Die baltischen Deutschen geraten durch den europäischen Umbruch vom regionalen zum nationalstaatlichen Denken ab Mitte des 19. Jahrhunderts politisch und kulturell in Bedrängnis. In Deutschland gehen mit der Reichsgründung (1871) das Interesse und das Verständnis für die Deutschen jenseits der Grenzen verloren. Die deutsche Einwanderung ins Baltikum hört auf. In Russland lässt die Bewunderung für die westeuropäische Kultur nach. Es entsteht eine Begeisterung für alles Slawische. Die deutsche, ständische Selbstverwaltung in den Ostseeprovinzen Russlands erscheint der Administration in St. Petersburg als überholt.

In mehreren Wellen wird in den 1840er, 1860er und 1880er Jahren mit Propaganda und staatlichen Verordnungen die Russifizierung der Ostseeprovinzen eingeleitet: eine Konversion von über 100 000 Bauern zur russisch-orthodoxen Kirche, die Angleichung an den zentralen Verwaltungsapparat, der alleinige Gebrauch der russischen Sprache in Behörden, Schulen und im öffentlichen Leben. Davon betroffen sind neben den deutschsprachigen Balten auch die Esten und Letten und ihre muttersprachlichen Schulen. Höhepunkt der staatlichen Maßnahmen ist die Einführung des Russischen als Lehrsprache an der Universität im Jahre 1889 und die Umbenennung von Dorpat in Jurjew im Jahre 1892.

Riga

Zum Wortführer des Abwehrkampfes der baltischen Deutschen gegen die Russifizierung wird Carl Schirren, Professor der Geschichte an der Universität Dorpat. 1869 veröffentlicht er die Schrift „Livländische Antwort“ auf eine panslawistische Publikation des russischen Intellektuellen Jurij Samarin. Schirren beruft sich auf die verbrieften Rechtspositionen der deutschen Balten. Er stellt sich in scharfer Form gegen die zentralistischen Angleichungen und verteidigt die Werte einer praktizierten Eigenverantwortlichkeit und regionalen Kultur. Schirren muss aus Livland fliehen. Er wird Professor in Kiel. Unter Pressionen muss die evangelische Kirche leiden. Die Russifizierung löst eine erste Abwanderungswelle baltischer Deutscher ins Deutsche Reich aus.

Gründerzeit

Trotz wachsenden Drucks durch die Russifizierung und nationale Spannungen bringt die Gründerzeit den baltischen Provinzen eine wirtschaftliche Hochkonjunktur. Die Provinzen erhalten ein Eisenbahnnetz und werden mit den russischen Industriegebieten verbunden. Beispielhaft für die rasante Entwicklung zur Moderne ist Rigas Aufstieg zur Industriestadt. Riga wird zum wichtigsten Ausfuhrhafen des Russischen Reichs und zur Metropole des Transithandels zwischen Ost und West. Von 1866 bis 1901 vermehrt sich der Gesamtumsatz im Rigaschen Außenhandel fast um das Dreifache. Rigas Bevölkerung verfünffacht sich binnen zweier Generationen von rund 100 000 Einwohnern im Jahre 1867 auf rund 500 000 Einwohner im Jahre 1913. Der Anteil der deutschen Bevölkerung geht im gleichen Zeitraum von 43% auf 17% zurück.

Die Entstehung der Großstadt auf baltischem Boden bringt tief greifende wirtschaftliche und soziale Wandlungen mit sich. Mit der Industrialisierung und dem Bevölkerungsanstieg geht ein Bauboom einher. Die alten Befestigungsanlagen um die mittelalterliche Altstadt Rigas werden von 1857 bis 1863 abgerissen. Mit breiten Boulevards und prachtvollen Wohn- und Geschäftshäusern wird Riga nach dem Vorbild von Paris und Wien erweitert. Es entstehen neue Theater, Museen, Kirchen, Schulen, Fabriken, Bankhäuser und Hotels.

Zum sozialen Sprengstoff wird die wachsende Zahl der Industriearbeiter und Landflüchtigen ohne eigenen Besitz. Radikal gesinnte Letten und Esten gründen sozialistische Gruppierungen.

Revolution und Erster Weltkrieg

Die Revolution von 1905 springt vom Inneren des russischen Zarenreichs aufs Baltikum über. Der Hass der unzufriedenen, von Rädelsführern radikalisierten Arbeiter richtet sich in den Ostseeprovinzen vor allem gegen den deutschen Großgrundbesitz. 184 Schlösser und Gutshäuser werden angezündet und zerstört, fast hundert Gutsbesitzer ermordet. Der Aufstand wird vom Militär rigoros niedergeschlagen und fordert Tausende von Opfern auf der Seite der Revolutionäre. Die Russifizierungspolitik wird gelockert.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bringt die baltischen Deutschen in einen Loyalitätskonflikt zwischen der Treue zum russischen Zaren und der inneren Verbundenheit zu Deutschland. In nicht wenigen Fällen stehen sich Träger des gleichen Familiennamens im Feld gegenüber. Bis September 1915 besetzen die deutschen Truppen ganz Litauen und Kurland. Eine halbe Million Letten fliehen hinter die russische Front.

Der Sturz des Zaren Nikolaus II. von Russland und die Übernahme der Macht durch die Bolschewisten im Jahre 1917 schaffen eine neue Situation. In Estland und Lettland stehen gemäßigte, zu Wohlstand gelangte Esten und Letten den estnischen und lettischen Arbeiterräten gegenüber. Anfang März 1918 sind ganz Lettland und Estland in deutscher Hand. Die estnischen und lettischen Revolutionsführer setzen sich nach St. Petersburg ab.

Am 24. Februar 1918 proklamieren die Esten die Unabhängigkeit Estlands, einen Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen. Im Frieden von Brest-Litovsk verzichtet Sowjetrussland unter Lenin auf die baltischen Länder. Am 23. März 1918 bestätigt Kaiser Wilhelm II. offiziell die litauische Unabhängigkeit. Mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. werden die unrealistischen Hoffnungen deutscher Balten in Estland und Lettland auf ein „Vereinigtes Baltisches Herzogtum“ unter deutscher Reichshoheit endgültig zunichte gemacht. Am 18. November 1918 rufen die Letten die Republik Lettland aus. Nach verlorenem Krieg ziehen die deutschen Truppen aus den baltischen Staaten ab.

Freiheitskampf

Unmittelbar nach dem Abzug der deutschen Truppen Ende 1918 rückt die Rote Armee ins Baltikum ein. Damit soll, entsprechend dem Plan der bolschewistischen Weltrevolution, die Brücke zwischen Moskau und Berlin geschlagen werden. Noch vor dem Jahreswechsel 1918/19 werden auf dem eroberten Gebiet die estnische und die lettische Sowjetrepublik ausgerufen. Ziel kommunistischer Gewaltmaßnahmen und Exekutionen sind alle Besitzenden und besonders Geistliche. Der Kampf gegen die Bolschewistenherrschaft führt gemäßigte Esten und Letten, Deutschbalten, Finnen und Freikorps mit Freiwilligen aus Deutschland zum Freiheitskrieg 1918/19 im Baltikum zusammen.

Den Esten gelingt es unter der Führung von Johan Laidoner in kurzer Zeit, die bolschewistischen Truppen aus dem Land zu verdrängen. An dem Feldzug beteiligen sich deutschbaltische Freiwillige, die im „Baltenregiment“ unter dem Kommandeur Oberst Constantin v. Weiß kämpfen. Finnische Freiwillige unterstützen den estnischen Freiheitskampf.

In Lettland wird der Abwehrkampf gegen die Rote Armee vom Deutschen Reich geführt (mit Billigung der Siegermächte des Ersten Weltkriegs). Hier befehligt Major Fletcher aus Ostpreußen die „Baltische Landeswehr“. Sie besteht aus deutschbaltischen Freiwilligen und einer kleineren lettischen Einheit unter Oberst O. Kalpaks. Die Landeswehr untersteht zusammen mit den Freikorpsverbänden dem Oberkommando des Generals Graf Rüdiger v. der Goltz. Am 22. Mai 1919 wird Riga von der Herrschaft der Bolschewisten befreit. Der Kommandeur des Stoßtrupps, Hans Baron Manteuffel, fällt bei der Erstürmung der Stadt.

Die deutschen Truppen setzen den Feldzug zur Festigung ihrer militärischen Position über Riga hinaus nach Norden fort, obwohl die Rote Armee dort bereits abgezogen ist. Am 22. Juni 1919 werden sie in der Schlacht von Wenden von estnischen und lettischen Verbänden, die sich nun gegen ihre Befreier wandten, geschlagen.

Estland – Lettland – Litauen

Die Republiken Estland, Lettland und Litauen können sich in der Folge des Ersten Weltkriegs als international anerkannte Staaten etablieren. Sie geben sich demokratisch-parlamentarische Verfassungen. Die Grenze zwischen Estland und Lettland verläuft entlang der estnisch-lettischen Sprachgrenze mitten durch das ehemalige Livland. Die Grenzen Litauens sind sowohl im Hinblick auf das vorwiegend deutsch besiedelte Memelgebiet als auch auf die polnisch besiedelten Landesteile umstritten. 1920 anerkennt Sowjetrussland in Friedensverträgen die Eigenstaatlichkeit der drei baltischen Staaten.

Durch radikale Agrarreformen enteignen die neu entstandenen baltischen Republiken Estland und Lettland den Großgrundbesitz. Litauen folgt mit einer gemäßigten Agrarreform. Dadurch kann die Masse der Pächter und Landlosen mit eigenem Grund und Boden befriedigt und somit bolschewistischen Tendenzen entgegengewirkt werden. Industrie und Handel erholen sich langsam von den Kriegsschäden und sind durch niedrige Produktionskosten im Außenhandel konkurrenzfähig, trotz des Verlustes des russischen Marktes. Wichtigste Handelspartner werden Deutschland und England. Die Ausweitung von Bildungsmöglichkeiten schafft in den baltischen Republiken in kurzer Zeit einen breiten estnischen, lettischen und litauischen Akademikernachwuchs.

Die nahezu entschädigungslose Enteignung trifft in Estland und Lettland vor allem deutschbaltische Großgrundbesitzer. Sie werden auf einen Schlag zu Kleinlandwirten auf „Restgütern“. Tausende von Deutschbalten emigrieren in die deutsche Weimarer Republik. Aus dem Inneren Russlands kehren viele Deutsche ins Baltikum zurück.

Rathaus in Tallinn

Hitler-Stalin-Pakt

Am 23. August 1939 unterzeichnen der deutsche Außenminister v. Ribbentrop und der sowjetische Außenminister Molotov einen Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion, der unter dem Namen „Hitler-Stalin-Pakt“ in die Geschichte eingeht. In geheimen Zusatzprotokollen teilen Hitler und Stalin die Gebiete zwischen Deutschland und der Sowjetunion in ihre Interessenssphären auf. Das Baltikum gehört danach zum Einflussgebiet der Sowjetunion. Im September und Oktober 1939 schließt die Sowjetunion mit allen drei baltischen Republiken „gegenseitige Beistandsabkommen“ ab und errichtet anschließend militärische Stützpunkte im Baltikum. Am 6. Oktober spricht Adolf Hitler in einer Reichstagsrede zum ersten Mal öffentlich über eine Umsiedlung deutscher Volksgruppen ins Deutsche Reich. Die Nachricht von der beschlossenen Umsiedlung ist für die Deutschbalten ein Schock. Trotzdem entschließt sich binnen weniger Wochen nahezu die gesamte noch im Baltikum verbliebene Volksgruppe angesichts der Gefahr der „Bolschewisierung“, ihre Heimat zu verlassen. Die Umsiedlung erfolgt auf Grund von vertraglichen Vereinbarungen des Deutschen Reichs mit den Republiken Estland und Lettland und mit Zustimmung des Kreml. In den Verträgen wird der Vermögensausgleich zwischen dem Deutschen Reich und den baltischen Republiken geregelt. Die Deutschbalten dürfen ihre bewegliche Habe mitnehmen. Sie werden aus der estnischen bzw. lettischen Staatsbürgerschaft förmlich entlassen und erhalten die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Organisation der Umsiedlung übernehmen die Deutschbalten in Eigenregie. Eine Nachumsiedlung findet nach Einmarsch der sowjetischen Truppen ins Baltikum 1940/41 statt. Sie umfasst ca. 68 000 Personen, von denen über 50 000 Deutsche aus Litauen sind. Insgesamt werden ca. 135 000 Personen aus Estland, Lettland und Litauen „verpflanzt“. Damit endet die jahrhunderte lange Geschichte der Deutschen im baltischen Raum in einem unumkehrbaren Bruch.

Deutsch-Baltische Gesellschaft e.V., Darmstadt